Flüchtlinge brauchen Schutz

ADRA ruft zum Schutz von Flüchtlingen auf

Der humanitäre Schutz gefährdeter Gruppen muss im Mittelpunkt jeder humanitären Intervention stehen.

In bewaffneten Konflikten sind Frauen und Kinder besonders gefährdet, was berücksichtigt werden muss. Dies ist im Ukraine-Krieg besonders wichtig, da sie die größte Zahl der Schutzsuchenden ausmachen. Das UNHCR erwartet, dass bis zu 4 Mio. Flüchtlinge die Ukraine verlassen werden. Wir wissen, dass inzwischen die Hälfte der Vertriebenen minderjährig ist, viele von ihnen ohne Begleitung. Eine große Zahl von Kindern, vor allem Mädchen, lebt in der Ukraine in irgendeiner Form von Heimen. Die zweitgrößte Gruppe unter den Flüchtlingen sind Frauen. Andere gefährdete Gruppen sind Menschen mit Behinderungen, ältere Menschen, Menschen verschiedener Nationalitäten, die versuchen, die Ukraine zu verlassen und nicht unter den Flüchtlingsschutz fallen, aber auch Männer: Deserteure beider Seiten stehen unter hohem Druck.

Das ADRA-Netzwerk ist mit einem Nothilfeteam in verschiedenen Grenzgebieten der Nachbarländer sowie innerhalb der Ukraine aktiv. Durch unser jahrzehntelanges weltweites Engagement verfügen wir über wesentliche Kenntnisse in den Bereichen der humanitären Hilfe. Mit jedem Tag, der vergeht, sehen wir, wie Frauen und Kinder zunehmend von dem eskalierenden Krieg betroffen sind. ADRA beobachtet, wie Frauen, die die Grenze nach Polen und in andere Nachbarländer überqueren, sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um ihre Kinder und älteren Menschen kümmern – mit beeindruckender Kraft, Mut und Solidarität füreinander. Voll bepackt mit Gepäck und Kindern auf dem Arm hören wir sie fragen: “Was kann ich tun, wo kann ich arbeiten?” Die Frauen befinden sich nicht nur in einer verletzlichen Lage, sondern es wird ihnen auch verwehrt, sich aus dieser Situation zu befreien. Die Reaktion auf diese Krise muss die Bedürfnisse und Herausforderungen von Frauen und Kindern in den Mittelpunkt stellen und angemessene Hilfe leisten. Wir fordern einen verstärkten Schutz von Frauen und Kindern und ihr sicheres Geleit in diesem Konflikt.

Der weltweiten humanitären Gemeinschaft sind verschiedene Fälle von Gewalt und Menschenhandel an den Grenzen bekannt, viele dieser Vorfälle fallen unter geschlechtsspezifische Gewalt. Auch wenn sich die Sicherheitslage verbessert hat – zum Beispiel an der polnischen Grenze, wo bewaffnete Gruppen derzeit Flüchtlinge auf ihrem Weg zu den Aufnahmezentren schützen und bewachen -, finden Kriminelle andere Wege. Vielen Flüchtlingen fehlt es an Wissen über sicheres Passieren und sie setzen sich beim Grenzübertritt potenziellen Risiken aus; auch mangelnde Sprachkenntnisse auf allen Seiten sind ein Problem. Abholdienste, die sich als echte Hilfe tarnen, können zu hässlichen Fallen werden. Es gibt so gut wie keine Kontrolle darüber, wer (als Privatinitiative) an die Grenze fährt und die Flüchtlinge abholt. Generell gibt es ein Problem mit der Registrierung, was auf Angst, Informationsmangel und unzureichende strukturierte Beratung für Menschen in Not zurückzuführen ist. Obwohl die Registrierung gefördert wird, gibt es derzeit keine gesetzliche Verpflichtung für ukrainische Staatsangehörige, sich in Schengen-Ländern registrieren zu lassen. Diese Tatsache behindert koordinierte Schutzmaßnahmen.

Humanitäre Organisationen und staatliche Akteure haben Schwierigkeiten bei der Identifizierung von Personen, der Familienzusammenführung und dem Austausch von Informationen über Schutzmaßnahmen. Der Grenzübertritt wird zunehmend traumatisierend: Die Warteschlangen sind lang, die Zugfahrten finden unter unmenschlichen Bedingungen statt. Obwohl der vorübergehende Schutz aufgrund des Massenzustroms von Menschen, die aus der Ukraine fliehen, am 4. März 2022 eingeführt wurde, um einheitliche Rechte zu gewährleisten, verläuft der Grenzübertritt nicht reibungslos. Es gab Fälle von stundenlangem Warten in der Kälte, nachts bei fast Minusgraden, ohne warme Unterkunft, Nahrung, Wasser oder sonstige Hilfe. Die Dokumentation von Flüchtlingen nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, da jedes Dokument an jedem Grenzübergang überprüft wird und biometrische Fotos von den Flüchtlingen gemacht werden. Dies erfordert mehr politische Kohärenz und ein harmonisiertes Vorgehen zwischen den Ländern, um die Wartezeit zu verkürzen und eine sichere und reibungslose Weiterreise zu gewährleisten.

Auch innerhalb der Ukraine wird eine wachsende Zahl von Menschen vertrieben. Nach Schätzungen von UN OCHA sind 1,9 Millionen Menschen durch den Konflikt vertrieben worden. Die Binnenvertreibung erfolgt häufig aufgrund fehlender gemeinschaftlicher Dienste, zerstörter Infrastruktur, physischer und psychischer Traumata, Verlusten und daher geringerer Widerstandsfähigkeit. Die eingeschränkte Mobilität hindert viele an der Flucht, etwa ältere Menschen und Pflegepersonen.

Die Zeit und der Kontext vor dem Grenzübertritt spielen eine große Rolle dabei, wie weitreichend die Anfälligkeiten und die benötigte Unterstützung sind. Außerdem ist davon auszugehen, dass die nächsten Flüchtlingswellen, die in die westlichen Nachbarländer kommen, über weniger Ressourcen und soziale Kontakte verfügen werden, was bedeutet, dass sie noch stärker gefährdet sind. Es ist nicht absehbar, wie und wann dieser Konflikt enden wird; die Verzweiflung über die Flucht und die chaotische Flucht in die Sicherheit könnten durchaus zunehmen. Es liegt auf der Hand, dass Flüchtlinge, die die Grenze überqueren, spezifische psychosoziale Unterstützung benötigen, die auf Kriegstraumata und geschlechtsspezifische Gewalt eingeht.

Was wird als nächstes benötigt?

Eine systematische Registrierung ist bis jetzt noch nicht erfolgt. Da sie zwischen einem repressiven Regime und einem Kriegsland auf der einen Seite und einer unsicheren Zukunft und potenziellen neuen Gefahren auf der anderen Seite feststecken, ist es absolut notwendig, sichere Passagen einzurichten, angemessene rechtliche Informationen in den Zielsprachen zu verteilen, die Standorte von Infopunkten, psychosozialer, medizinischer und rechtlicher Hilfe sowie Unterkünften mitzuteilen und den Flüchtlingen zu garantieren, dass die Registrierung unter höchstem Datenschutz erfolgt und keine negativen Auswirkungen auf ihre persönliche Sicherheit und ihr Recht auf Freizügigkeit hat. Die Flüchtlinge müssen ihre Rechte kennen und wissen, wo sie weitere Informationen erhalten können.

Die Einrichtung eines Rechtshilfesystems ist vorrangig, um die Menschenrechte zu gewährleisten. Wir fordern politische Kohärenz bei der Dokumentation an den Grenzübergängen, damit die Verfahren nur einmal durchgeführt werden und nicht an jeder Grenze bei Reisen durch mehrere Länder. Sichere Übergänge müssen gewährleistet werden. Wenn es an den Grenzübergängen zu Wartezeiten kommt, muss eine warme Unterkunft, Nahrung, medizinische Versorgung und eine transparente Kommunikation mit den Flüchtlingen über die aktuellen Schritte gewährleistet sein. Die lokalen Behörden müssen die Schutzmaßnahmen und die Bedürfnisse der gefährdeten Menschen kennen.

Neben spezifischen Grundbedürfnissen wie Kinderbetreuung, medizinischer Versorgung und Ernährung besteht ein erhöhter Bedarf an psychischer Gesundheit und psychosozialer Unterstützung (MHPSS). Die Erhaltung und Verbesserung des psychosozialen Wohlbefindens ist die Grundlage für die psychische Gesundheit und die Verringerung von Generationentraumata. Frieden beginnt immer in den Köpfen der Menschen.

Wir schlagen vor, den Schwerpunkt auf die Beschäftigung von weiblichem Personal zur Unterstützung behördlicher und ziviler Aktivitäten in den Grenzregionen zu legen. Dadurch können Schutzmaßnahmen insbesondere für die am stärksten gefährdeten Personen, d. h. Frauen und Kinder, gewährleistet und die Sensibilität für geschlechtsspezifische Fragen gefördert werden.

+++Über ADRADas Adventistische Entwicklungs- und Hilfswerk ist der internationale humanitäre Arm der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, der in 118 Ländern tätig ist. Ihre Arbeit stärkt Gemeinschaften und verändert Leben rund um den Globus, indem sie nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit und Katastrophenhilfe leistet. Weitere Informationen findet ihr unter www.ADRA.at.

Foto: Britt-Celine Oldebraten, ADRA Norwegen. Mitglied des ADRA Emergency Response Teams in Polen.

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