ADRA Ortsgruppe Linz Ukrainehilfe

Eine Rückschau auf die Betreuung von aus der Ukraine geflüchteten Menschen

Nach der Invasion russischer Truppen in die Ukraine im Februar 2022, stellte sich auch für uns als ADRA Ortsgruppe Linz die Frage, wie wir helfen könnten. Rasch zeigte sich, dass Österreich als Durchzugsland diente, weil die Geflüchteten vor allem nach Deutschland und in die nordeuropäischen Staaten, aber auch in die USA reisen wollten. Meist handelte es sich dabei um Frauen mit Kindern oder Pensionistinnen/Pensionisten.

So beschlossen wir mit ADRA Österreich und der STA-Kirche Linz, ein Willkommenszentrum einzurichten, um den Menschen auf der Flucht eine Erholungspause von ein bis drei Tagen zu ermöglichen. Dafür bot sich eine Pastorenwohnung an, die zurzeit leer stand.

Mit freiwilligen Helfern/Helferinnen aus der ADRA Ortsgruppe STA-Kirche Linz erstellten wir einen Plan:

Die Wohnung wurde mit bis zu 6 Matratzen, Lebensmitteln, Spielzeug, einer Bibel in ukrainischer Sprache und einer Notfallapotheke ausgestattet. Die Hausbewohnerinnen in den benachbarten Wohnungen zeigten sich sehr hilfsbereit und kooperativ. Wir erstellten eine Wohnungsordnung, die von einem ukrainischen Kirchenmitglied  ins Ukrainische übersetzt wurde.

Wir hofften, mit unseren Englisch-Kenntnissen auszukommen, fanden aber auch russisch sprechende Kirchenmitglieder, die bereit waren, zu übersetzen. Auch der Umgang mit Corona musste geregelt werden.

Mithilfe von Jugendlichen aus der Kirchengemeinde Linz konnten wir Ansprechpersonen zur Verfügung stellen, die unsere Gäste freundlich empfingen und verabschiedeten, ihnen aber auch für die Zeit ihres Aufenthaltes zur Seite standen. Auch die Reinigung der Wohnung musste sichergestellt werden.

Die SPRACHE stellte die größte Herausforderung dar. Die meisten Geflüchteten konnten nur ihre Muttersprache. Mit dem Google – Übersetzer kam es zu Missverständnissen, aber auch unsere russisch sprechenden Geschwister mussten viel Zeit aufwenden, um das richtige Verständnis sicherzustellen. Nur wenige Ukrainerinnen sprachen Englisch, meist nur bruchstückhaft. Dies erschwerte den Aufbau einer persönlichen Beziehung.

Die ANKUNFTSZEIT ließ sich nur vage vorhersehen. Wir wurden von ADRA Ungarn verständigt, wenn eine Gruppe dort nach einem Zwischenstopp zu uns aufbrach. Zweimal riss der Telefonkontakt ab. Ein älteres Ehepaar konnten wir erst nach zwei Tagen bei uns aufnehmen. Ein aufmerksamer, hilfsbereiter Radfahrer sah die beiden mitten in Linz umherirren und rief mich an, so dass wir das Ehepaar abholen konnten. Sie hatten in ihrem uralten Mercedes übernachtet! Der Schiffskapitän hatte seine Heimat mit seiner Frau verlassen, um an einen Küstenhafen zu gelangen, weil er seinen Lebenstraum verwirklichen wollte, ein Schiff zu bauen! Er hatte sogar selbst gezeichnete Pläne mit! Wir mochten die beiden freundlichen, dankbaren und bescheidenen Menschen sehr, aber es dauerte, bis wir eine zufriedenstellende Lösung fanden: Über Friedensau in Deutschland konnten sie mit ihrem klapprigen Fahrzeug nach Hamburg weiterreisen, wo sie ein von uns verständigter Pastor in Empfang nehmen sollte. Es fiel uns ein Stein vom Herzen, als wir die positive Nachricht von ihrer Ankunft erhielten.

Weniger gut verlief der Aufenthalt von drei Frauen mit Kindern und drei Chihuahuas aus Odessa:

Voll des Mitleids wegen der Nachrichten über die furchtbaren Zustände in dieser Stadt, mussten wir feststellen, dass es sich um gut situierte Russinnen handelte, die sich zu den günstigen Bedingungen europäische Städte ansehen wollten, bis sie wieder in ihre Heimat zurückkehren konnten. Es bedurfte einiger Härte und zahlreicher Gespräche, auch mit ADRA Österreich, um sie nach einer Woche zur Weiterreise zu bewegen.

Nach einem halben Jahr wurde klar, dass dies kein Blitzkrieg war. Viele Ukrainer/innen suchten nun eine ständige Bleibe. Wir vereinbarten, dass die Wohnung nun für längere Zeit vermietet werden konnte. 

Die Erfahrung mit einem Ehepaar und zwei mit ihnen befreundeten Frauen möchte ich kurz mit euch teilen:

Alle vier waren um die 70 Jahre alt und sprachen nur ukrainisch. Die ihnen angebotenen Deutschkurse besuchten sie zunächst, doch nur eine blieb dabei, mit nur wenig Erfolg. Natürlich ist es sehr schwer, in diesem Alter eine völlig fremde Sprache zu erlernen und sich in eine andere Kultur zu integrieren. Mehrere sehr motivierte Helferinnen boten ihre Hilfe in verschiedensten Bereichen an. Wir mussten feststellen, dass die Mieterinnen uns und die kostenlose medizinische Versorgung über die Maßen ausnutzen, ohne selbst etwas beizutragen. Es kam zu Unstimmigkeiten mit einer Mieterin des Hauses und mit der Hausverwaltung. Dies konnten wir regeln. Aber die Nachzahlung der Betriebskosten war nicht nachvollziehbar hoch.

Wir konnten die Mieterinnen in die Betreuung des Landes Oberösterreich übergeben.

Wir ziehen aus diesen Erfahrungen folgende Schlüsse:

  • Der Zeitraum der Vermietung war mit drei Jahren viel zu lang. Es braucht einen Zeitraum von längstens drei Monaten, wobei die Kriterien für ein Verlassen der Wohnung ganz klar definiert sein müssen.
  • Es braucht von Anfang an klare Grenzen, wofür wir als ADRA Ortsgruppe zuständig sind und wofür nicht. Dies muss konsequent gelebt werden.
  • Wenn ich mich als Vermieterin mit einer Person der Gruppe ohne Dolmetscher nicht mehr verständigen kann, wird es auf Dauer zu schwierig. Wir hatten zu Beginn das Glück, eine jüngere Ukrainerin zur Verfügung zu haben, doch sie reiste nach Deutschland weiter.
  • Ein Ansatz wäre, Mieterinnen der Unterkunft von Beginn an kleine Aufgaben zuzuteilen, um sie in die lokale  Gruppe einzubeziehen. Auch hier ist die Sprache eine Herausforderung. Es würde sich schnell  zeigen, ob die Menschen einen Beitrag zur Gemeinschaft leisten wollen.

Aufgrund unserer Erfahrungen werden wir, ADRA Linz, selbstverständlich Menschen in Not auch weiterhin unterstützen im Sinn unseres Grundsatzes: Hilfe zur Selbsthilfe. Flüchtende und Asylsuchende gehören zu der Gruppe der schutzbedürftigsten Menschen. Wir können die Gesamtsituation nicht lösen, aber wir können Einzelschicksale wahrnehmen und nach unseren Möglichkeiten helfen. Und das werden wir auch weiterhin tun.

Wenn auch du in deiner Kirchengemeinde, deiner Familie, deiner Arbeit oder deinem Umfeld für Menschen in Not da sein möchtest oder ein soziales Projekt ins Leben rufen möchtest, dann melde dich bei ADRA Österreich unter [email protected]. Wir unterstützen dich gerne.

Ein Erfahrungsbericht von Christiane Praxmarer, ADRA Ortsgruppe Linz

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