Manis-Gedichte

Wenn Worte Wege aus der Armut öffnen

Wenn Worte Wege aus der Armut öffnen

 

Vier junge Männer, vier Lebenswege

Auf meinem letzten Projektbesuch in Anna Nagar (Indien) saß ich mit 4 ganz unterschiedlichen Jungen zusammen und unterhielt mich über ihr Leben und was sie zurzeit machen. Sie und ihre Eltern sind Teil des Projekts seit Jahren, um den Weg aus der Armut zu finden.

Dina: Bildung teilen und Verantwortung übernehmen

Dina ist 18 Jahre alt und studiert für einen Bachelor of Arts in Geschichte am Presidency College. Jeden Tag pendelt er eineinhalb Stunden zur Universität. Nach dem Unterricht gibt er Nachhilfestunden für 84 jüngere Kinder aus seinem Dorf. Er engagiert sich gerne, hilft aber auch Dorfbewohnern, die Unterstützung bei der Beantragung von Ausweisen oder staatlichen Hilfen brauchen. Seine Arbeit ist honoriert mit ein paar Rupien der Kinder und Erwachsenen, denen er hilft. Ein geniales Businessmodel für einen jungen Studenten und ein Indikator, dass die Familien im Dorf schon etwas mehr Einkommen haben.

Ragu: Sicherheit für heute, Träume für morgen

Neben Dina sitzt Ragu, ein scheuer junger Mann im gleichen Alter. Sein Traum war es, eine kleine Werkstatt für Motorräder zu eröffnen. Doch dieser Traum muss warten, denn seine Familie ist auf sein regelmäßiges Einkommen angewiesen. Deshalb arbeitet er als angelernter Arbeiter in einer Fabrik für medizinische Instrumente, wo er Produkte verpackt. Dort verdient er 15.000 Rupien im Monat inklusive aller Sozialleistungen und bezahlter Feiertage. Ragus Eltern waren einst Tagelöhner und hatten bei privaten Geldverleihern Kredite zu hohen Zinsen aufgenommen. Mittlerweile konnten sie alle Schulden zurückzahlen und erhalten zinslose Darlehen von der Regierung. Ihr Haus wurde für ein staatliches Bauprogramm ausgewählt – der Rohbau steht bereits, und die Familie lebt nun in einem stabilen Ziegelhaus mit festem Dach, das sie vor dem nächsten Monsun schützen wird.

Bhubedi: Lernen mit den Händen und dem Kopf

Bhubedi, der neben Ragu sitzt, hat die 10. Klasse abgeschlossen und macht derzeit eine Berufsausbildung zum Mechaniker.

Mani: Poesie zwischen Armut, Hoffnung und Zukunft

Als letztes hören wir die Geschichte von Manimaran, alle nennen ihn Mani. Er hat seinen Bachelor in Informatik bereits abgeschlossen und ist fest angestellt. Seine jüngere Schwester folgt seinem Beispiel und gibt abends Nachhilfeunterricht für 10–15 Kinder. Von Mani weiss ich, dass er eine besondere Begabung hat, er schreibt Gedichte. Ich fragte ihn, ob er sich an einige erinnern kann und er nickt. Ich gebe ihm mein Notizbuch und Kugelschreiber und bitte ihn, mir ein Gedicht aufzuschreiben. Seine Augen leuchten sofort. Er streckt mir die Hände entgegen, nimmt mein Schreibzeug und Block, denkt kurz nach und beginnt zu schreiben. Auf einmal wird es still im Klassenzimmer, in dem wir im Kreis am Boden sitzen. Alle schauen Mani beim Schreiben und jeder ist gespannt, was er schreibt. Nach kurzer Zeit hat er 3 ganz kurze Gedichte in Tamil aufgeschrieben, die gerade eine Seite füllen. Danach übersetzt mir unser Projektleiter die Zeilen:

  • Für den Reichen hängt der Mond als Bild an der Wand, für den Armen scheint er durch das Loch im Dach.
  • Liebe ist wie eine peitschende Welle, wenn wir auf verschiedenen Seiten des Teichs stehen.
  • Ich bat den Teemeister um mehr Zucker für meinen Tee, doch die Lage meiner Familie lässt ihn nur bitter schmecken.
Indien handgeschriebenes Gedicht von Mani

Wow! Diese wenigen Worte haben eine sehr tiefe Botschaft. Ich weiß, wo Mani mit seiner Familie lebt, und ich weiß, von was er schreibt. Sein erstes Gedicht macht mir besonders Mut, weil ich sehe, dass er in seinem von Armut geprägten Leben auch Qualität sieht. Mittlerweile hat Mani gut 246.000 Follower auf Instagram und er schreibt neben Liebeslyrik auch Gedichte über soziale Themen. Aus den Medien greift er soziale Missstände auf und schreibt lösungsorientierte Texte dazu, die den Leser sensibilisieren und neue Perspektiven eröffnen.

Warum Bildung ganze Dorfgemeinschaften verändert

Der Austausch mit den mittlerweile jungen Erwachsenen bestätigt mir einmal mehr, wie wichtig Bildung ist und wie sie aktiv mithilft, eine ganze Dorfgemeinschaft zu verändern. Manis Fähigkeiten machen mir auch bewusst, dass jedes Kind Begabungen hat und es an uns Erwachsenen liegt, diese zu entdecken und gezielt zu fördern. In dieser kurzen Zeit habe ich viel gelernt und wurde mit Hoffnung beschenkt.

Die heilende und verbindende Kraft der Poesi

Ich erinnere mich an eine kürzliche Podiumsdiskussion, in der ein Journalist über die Wichtigkeit von Worten sprach. Sinngemäß sagte er: Zu oft wiederholte Worte verlieren ihre Bedeutung. Und wenn das Wort dann nicht echt ist und gelebt wird, können Menschen unmenschlich werden. Und dann, zum Schluss seiner Ausführung, sprach er über die Wichtigkeit von Poesie, wo es darum geht, Wahrheiten in wenig Worte zu packen, damit sie unseren Verstand und die Gefühle anregen.

Das Schreiben von Gedichten ist aus unserem Leben verdrängt worden, was ist wohl der Grund dafür? In meiner Schulzeit musste ich Gedichte auswendig lernen und ich habe später hin und wieder mal selbst ein Gedicht geschrieben, um auszudrücken, was mich bewegt. Was ich formulieren kann, verstehe ich besser, was ich in wenigen Worten und einem Reim formulieren kann, bleibt mir länger in Erinnerung.  Beim Dichten halte ich inne, höre in mich hinein und kann meine Gedanken ordnen. Das wirkt heilsam, ähnlich wie ein Tagebuch. Gedichte ermöglichen mir, persönliche Erfahrungen so auszudrücken, dass andere sich darin wiederfinden. Es kann Trost spenden, Mut machen und es verbindet mich mit Menschen, die genauso fühlen und denken. Durch Poesie kann ich mein Vokabular anreichern und Sprache neu denken. Das stärkt nicht nur meinen sprachlichen Ausdruck, sondern auch meine Fantasie und das abstrakte Denken. Gedichte halten Momente und Stimmungen fest, sie bewahren meine Erinnerungen und wirken wie Meilensteine auf meinem Lebensweg.

Von der heilenden Wirkung von Psalmen und Sprüchen wussten David und Salomo, die uns einen reichen Schatz an wichtigen Lebensweisen hinterlassen haben. Gott hat von sich gesagt, dass er nicht nur spricht, sondern dass er selbst das Wort ist und dass dieses Wort für uns in Jesus sichtbar wurde. Es tut gut, mir Gedanken zu machen, wie ich Worte denke, spreche und lebe, dass sie lebendig werden und meine Mitmenschen wie mich selbst bereichern.

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